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Ensen/Westhoven

Ensen/Westhoven

Der charmante Doppelort zeigt sich facettenreich

Historisch immer wieder zerstört von Kriegen und höherer Gewalt, immer wieder Neuanfang

Bilder und Text: Jochen Geis

Es ist davon auszugehen, dass an den Ufern des ungebetteten Rheins, der anreichenden Sumpfgebiete alter Rheinarme und vor allem ab ca. Frankfurter Straße und sicher ab Mauspfad ostwärts das Porzer Stadtgebiet seit Tagen der Neandertaler bevölkert war.

Konkret wurden in Ensen Westhoven Keramikfunde gemacht, die ca. 5.500 Jahre alt sind. Das Porzer Gebiet war bereits vor ca. 3.600 Jahren verhältnismäßig stark besiedelt. Migration im größeren Maße fand vor ca. 3.000 Jahren (Eisenzeit / Hallstatt-Zeit) statt. Illyrer besiedelten das Rheinland und optimierten den Ackerbau. Abgesehen von Küstengebieten war Porz gar im europäischen Maßstab dicht besiedelt. In Porz siedelten Kelten, die mit Eisenpflügen und Sensen den Boden bearbeiteten. Es wurden Entwässerungsgräben angelegt, Sümpfe trocken gelegt.

Im 1. Jahrhundert v. Chr. zogen die Sugambrer (Germanen) in das Porzer Gebiet und dominierten es. Die Sugambrer wurden von den Römern im Jahr 8 n.Chr. linksrheinisch umgesiedelt. Für Jahrzehnte war Porz relativ entvölkert. Die Rivalitäten der Römer mit den Franken bewirkte ähnliche Entvölkerungen bis Mitte des 5.Jahrhunderts, die Natur hatte Porz weitgehend wieder in Besitz genommen. Erst Ende des 6. Jahrhunderts wurden von den Franken Höfe zur Besiedlung gegründet, die an hochwasserfreien Stellen errichtet wurden und somit die Keimzellen der heutigen Stadtteile waren. Seitdem ist Porz nachweislich ununterbrochen besiedelt.
Mit der Christianisierung gab es erste Kirchen, die älteste bekannte in Zündorf (St. Michael) mit Fundamenten aus dem 8.Jahrhundert. Im Merowingerreich gehörte Porz (abgesehen von Libur) zum Deutzgau.

Westhoven wurde urkundlich definitiv 1041 erwähnt, die Echtheit älterer Dokumente aus 922 und 1003 sind umstritten bzw. fraglich. 1003 vom Kölner Erzbischof Heribert als der Benediktinerabtei Deutz zugehörig erwähnt. Bei Ensen ist der heute noch gültige Namen wahrscheinlich keltischen Ursprungs: (an-isa = fließendes Gewässer). Die Nikolauskapelle (siehe Foto) wurde 1128 errichtet und von durchreisenden Rheinschiffern für Gottesdienste genutzt. Einer der Westhovener Höfe muss wesentlich älter gewesen sein, denn an ihn wurde der Bau der Kapelle beauftragt. Ab 1150 gehörten die Örtchen Westhoven und Ensen zur Vogtei des Grafen von Berg, das Amt Porz umfasste das heutige rechtsrheinische Köln zuzüglich Bergisch Gladbach, Bensberg Odenthal und Altenberg. Nach der Schlacht von Worringen 1288 wurde der Graf vom Vogt zum Grundherren. Die bergischen Bauern haben diese Schlacht entscheidend gewendet und so Köln zu den Stadtrechten der Bürger verholfen und etwas widersinnig (wie so oft in der Geschichte) den eigenen Grafen gestärkt.
Die erste Pestwelle erreichte Köln 1349 und verbreitete sich ins Umland, da viele Kölner vor der Pest flüchteten. Die Pest verlief in Wellen über einhundert Jahre lang. Richtig übel erging es allen Rheinorten dann während der Religionskriege - das Herzogtum Berg, inzwischen einer der größten Territorialstaaten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, verhielt sich neutral, die feindlichen Truppen der protestantischen und katholischen Kriegsfürsten zerstörten und marodierten entlang des Rheins. Porzer Orte wurden permanent massiv geplündert und gebrandschatzt, bis auf wenige Gebäude hat diese Zeit nichts überstanden. Extrem wurde es, als der Kölner Erzbischof Gebhard Truchsess 1582 heiraten wollte und deswegen Lutheraner wurde. Die Truppen des wild gewordenen Erzbischofs verwüsteten sämtliche Orte in Porz entlang des Rheins. Diese Orte verloren erneut aufgrund von Krieg und Zerstörung an Bedeutung.

Die Natur war für die Rheinorte elementar. Hier gab es ein großes Weinanbaugebiet, der Rhein bot Lachs und Maifisch, es gab Holz und Wild. Die Menschen waren fleißig und bauten immer wieder auf. Ab dem Mittelalter war die Umgehung des Kölner Stapelrechts Grundlage für florierenden Handel und Transportwesen.

Aber auch die Natur brach über die Menschen herein, kleine Eiszeiten, bis ins 20. Jahrhundert fror der Rhein komplett zu, der Rhein nahm sogar einmal eine Abkürzung nach Mülheim und verwüstete Westhoven.
1614 wurde Mülheim aufgrund eines Erbfolgestreites zweier lutherischer Adeliger zerstört, auch mit negativen Folgen für die Rheinorte. 1632 wurde es ganz hart für die Menschen am Rhein. Der Dreißigjährige Krieg brachte Tod und Verwüstung. Die Schweden richteten in Siegburg ihr Hauptquartier ein und zogen den Rhein entlang nach Deutz. Sie hinterließen eine Spur der Vernichtung. Zwischen 1672 und 1679 war unser Gebiet Aufmarschgebiet der französischen Truppen gegen die Niederlande, das Land kam auch nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht zur Ruhe. Die Bauern bewaffneten sich und behaupteten sich gegen die Übergriffe. 1702 kam es erneut zu Plünderungen durch französische Truppen, auch diesmal trat die „bergische Landwehr", traten die Bauern zur militanten Gegenwehr auf.

1792 wurde das Bergische Land in den Krieg der französischen Revolutionstruppen gegen Österreich hereingezogen. Der Graf von Berg, zugleich Regent von Bayern und der Pfalz, gewährte den Aufzug österreichischer Truppen auch in Porz. Im September 1795 überrannte die französische Volksarmee das bergische Land, auch Ensen und Westhoven kommen unter französischer Verwaltung. Später, 1806, wurde das rechtsrheinische Gebiet neu geordnet, der neue Herrscher im Bergischen wurde ein Schwager Napoleons, der die Gründung der „Mairie Porz" plante, er ließ zu dieser Zeit 4.229 Einwohner in gesamt Porz zählen! Napoleon selbst realisierte es anders und schuf im Süden die Mairie Wahn und im Norden die Mairie Heumar, zu dieser gehörten Ensen Westhoven, Porz, Eil, Elsdorf, Urbach und Heumar. Mit der französischen Reform wurden Staat und Kirche getrennt. Der „Code Civil" wurde umgesetzt: Alle Menschen waren vor dem Gesetz nun gleich gestellt, die Gerichte wurden unabhängig, das Feudal- und Lehnswesen wurde abgeschafft. Das Zunftwesen wurde abgeschafft, Gewerbefreiheit garantiert. Der Franc wurde Währung. All dies verbesserte die Situation, der Franc war damals internationale Währung wie heute der Euro.

1815-1918 folgte die Preußenzeit. In Porz begann die Industrialisierung, bis 1870 entwickelten sich die Orte zu bedeutenden Industriestandorten, die Eisenbahn gab es ab 1859, somit wurde die seit Jahrhunderten bestehende Infrastruktur entlang des Rheins mit seinen Anlegestellen auch in Ensen und Westhoven binnen weniger Jahre gründlich verändert. 1911 gründete sich in Ensen die SPD. Der 1. Weltkrieg wurde auch in Porz durch revolutionäre Arbeiter und Soldatenräte beendet. Der hoffnungsvolle Beginn der Weimarer Republik wurde jedoch abgewürgt und gipfelte nach 15 Jahren in der nächsten Diktatur.

Seit 1815 gehörte Westhoven zum Königreich Preußen, seit 1929 zum Amt Porz und seit 1932 zum Rheinisch-Bergischen Kreis. 1936 wurde in Westhoven eine Pionierkaserne, die „Mudra-Kaserne", errichtet. Diese wurde bei Luftangriffen 1944 zwar sehr stark beschädigt, diente aber bis 1949 als Notunterkunft für Ausgebombte und Flüchtlinge. 1951 bis zum Jahr 1965 übernahmen Belgische Truppen die Kaserne, bis sie 1974 an die Bundeswehr übergeben wurde. Zwischen 1973 und 1975 erbaute der Gerling-Konzern einen bis zu 15 Stockwerke hohen Wohnpark. Seit 1975 ist Westhoven ein Stadtteil der Stadt Köln. 1995 verließ das belgische Militär die ebenfalls in Westhoven gelegene Kaserne Brasseur, die seitdem brach liegt und renaturiert werden soll.

Kultur

Das heutige Bürgerzentrum Engelshof wurde ca. 1850 erbaut und ist seit 1923 im Besitz der Stadt Köln. Nach dem Ende der Bewirtschaftung 1970 fand nach Besetzung ab 1976 eine erste Renovierung durch die Besetzer statt, Ende der 80er Jahre stand das Zentrum sehr umkämpft, es gab die Tendenz zu einem autonomen Jugendzentrum. Seit 1994 finanziert durch großzügige städtische Mittel, gibt es das Bürgerzentrum in der derzeitigen Form. Es finden regelmäßige Veranstaltungen und Konzerte statt.

Das Papa Madeo ist die urige Kneipe in Ensen Westhoven, hier finden seit einiger Zeit erlebenswerte Live-Auftritte in Pub-Atmosphäre statt. Die „Drei Häuser" der Porzer Selbshilfe in Ensen haben gerade ihr 30 jähriges Bestehen gefeiert. Die Häuser wurden von Menschen der „Patientenbewegung" besetzt um befreiten (teils angeketteten Patienten) aus der Psychatrie ein würdiges Leben zu ermöglichen. Inzwischen wird es vorwiegend von jungen Menschen, auch von Studenten als alternative Wohnform genutzt. Das Vereinsleben in Ensen Westhoven ist sehr bemerkenswert. Es gibt zahlreiche ganz tolle Sportvereine wobei insbesondere der TV Ensen Westhoven seines gleichen sucht, natürlich zahllose Karnevalsvereine, freiwillige Feuerwehr... Bürgervereinigung Ensen Westhoven, dessen langjähriger Vorsitzender Hans Kalscheurer kürzlich verstorben ist.

Gewerbe

(Quelle Wikipedia) In der Zeit des Ersten Weltkrieges siedelten in Westhoven die Mannesmann-Mulag-Werke an, die dort Autos und möglicherweise auch den Poller Riesen, ein nie fertig gestelltes Riesenflugzeug, konstruierten. 1927 wurden die Werkhallen von der kanadischen Firma Massey Harris später Massey-Ferguson übernommen, um dort ab 1929 mit 600 Mitarbeitern Landmaschinen zumindest bis 1954 zu produzieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen im fast völlig zerstörten Werk wieder 150 Mitarbeiter mit der Produktion von Landmaschinen, Ersatzteilen und Präzisionsrollenketten, die sie in alle Welt lieferten. Insbesondere wurden erstmals in Deutschland selbstfahrende Mähdrescher mit Frontschneidewerk ausgeliefert.

Die Menschen stehen immer wieder auf und handeln selbst.

Maschinenbau Louise, Stollwerk, die Deutschlandzentrale von Citroên und viele weitere namhafte Betriebe waren und sind in Ensen Westhoven zu finden. Nicht zuletzt die Kleingärtner an der Bahntrasse, was für Gärten liebe Nachbarn! Citroên wird allerdings wie im Juni 2012 zu erfahren war ins benachbarte Gremberghoven abwandern, somit hat Westhoven weiteres Entwicklungspotential im Norden.

Fazit

In Ensen Westhoven lebt es sich wunderbar am Strom. Die Menschen hier sind gesellig und lieben Inspiration, Abwechslung, aber auch Gemütlichkeit. In den vergangenen Jahrhunderten wurde das friedliche Zusammenleben oft blindwütig zerstört. Nicht immer war dies zu verhindern, bleibt zu hoffen, dass es zukünftig solche Tiefschläge nicht gibt und dass diese von uns abzuwenden sind.

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