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Neuss: Rita Süssmuth gestorben
Stimmen zum Tod von Rita Süssmuth
Mit dem Tod von Rita Süssmuth verliert Deutschland eine Christdemokratin, die in der konservativ geprägten CDU der 1980er‑Jahre Positionen vertrat, die aus heutiger Sicht selbstverständlich erscheinen, damals jedoch Mut erforderten. Rita Süssmuth war katholisch, konservativ, sie liebte andererseits Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Gleichheit, dass gefiel nicht allen in der Partei, sie galt vielen als Nervensäge. Zeitzeugen berichten, dass Süssmuth im politischen Alltag erheblichem Druck ausgesetzt war. In einem Radiobeitrag wurde geschildert, wie sie, deren Büro direkt neben dem von Helmut Kohl lag, in Gesprächen sichtbar zitterte, sobald die Sprache auf den damaligen Kanzler kam. Es war eine körperliche Reaktion auf ein Machtgefüge, das sie spürbar belastete.
Doch sie wankte nicht. Trotz aller inneren Anspannung hielt sie an ihren Positionen fest, setzte sich für Gleichstellung, Familienpolitik und eine humane Migrationspolitik ein und wurde weit über die Parteigrenzen hinaus respektiert. Geboren in der bergischen Industriestadt Wuppertal, lebte Süssmuth die letzten Jahrzehnte in Neuss am Niederrhein. Beide Städte gelten als unterschiedlich humanistisch geprägt. In Neuss wurde der Ehrenbürgerin mit einem offiziellen Trauertag gedacht. Als Bundestagspräsidentin bekleidete sie das zweithöchste Staatsamt der Bundesrepublik – und war die erste Frau in dieser Position.
Die nrw-illu / porz-illu erreichten unter anderem diese Trauerbekundungen:
Deutsche Aidshilfe
Die Deutsche Aidshilfe trauert um ihr Ehrenmitglied Rita Süssmuth. Die ehemalige Bundestagspräsidentin und Bundesgesundheitsministerin verhinderte Ausgrenzung und legte die Grundlagen für die erfolgreiche deutsche HIV-Prävention.
Als Bundesgesundheitsministerin stellte Rita Süssmuth in den 80er Jahren die Weichen für einen erfolgreichen und solidarischen Umgang mit der HIV/Aids-Epidemie. Die CDU-Politikerin verweigerte sich dabei einer Politik der Isolation und Ausgrenzung, für die konservative Kräfte in der Helmut-Kohl-Regierung und den Bundesländern eintraten – allen voran der bayerische Staatssekretär Peter Gauweiler (CSU).
„Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Kranken“ – mit dieser unbeugsamen Haltung setzte Rita Süssmuth den Maßstab für alles, was folgte. Indem sie den Weg einer „gesellschaftlichen Lernstrategie“ der klassischen Seuchenbekämpfung und Sündenbockmentalität vorzog, bewahrte sie in der Krise die Menschlichkeit und bewies Weitblick: Es war diese Vorgehensweise, die sich später weltweit als erfolgreich herausstellte.
Wurzeln der Deutschen Aidshilfe
Rita Süssmuth ermöglichte damit auch die Arbeit der Deutschen Aidshilfe mit ihrem Konzept der „strukturellen Prävention“, die auch gesellschaftliche Bedingungen für Gesundheit in den Blick nimmt. Süssmuth erkannte, dass die von HIV/Aids betroffenen Minderheiten nicht das Problem, sondern Teil der Lösung waren. Sie hatten die höchste Kompetenz zur Gestaltung der Prävention, die nun gebraucht wurde. Süssmuth führte mit ihnen einen Dialog auf Augenhöhe und ermöglichte staatliche Förderung für Akteur*innen aus der Selbsthilfe.
Dieses arbeitsteilige Präventionskonzept schuf eine Kultur der Beteiligung, die bis heute integraler Bestandteil der HIV-Strategie der Bundesregierung ist. Der Ansatz ermöglichte Maßnahmen zum Schutz von Leben und Gesundheit vieler Menschen weit über HIV hinaus. So führte die HIV-Prävention der „Süssmuth-Linie“ zur Einführung der Vergabe steriler Spritzen und zur Substitutionstherapie für heroinabhängige Menschen – seitdem unverzichtbare Standards. Darüber hinaus trug sie zur Emanzipation der besonders stark betroffenen Gruppen, etwa schwuler Männer, bei.
Ausnahmepolitikerin und Vorbild
„Rita Süssmuth war eine Ausnahmepolitikerin, die ihr Leben lang auf bewundernswerte Weise Menschlichkeit und Haltung bewiesen hat. Mutig und unbeugsam trat sie gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung ein, öffnete sich dem Dialog mit marginalisierten Gruppen und zeigte sich selbst bereit zu lernen. Sie hat damit vielen Menschen das Leben gerettet und deren Menschenwürde geschützt. Ihre Bedeutsamkeit für die Erfolge der deutschen HIV-Prävention kann kaum überschätzt werden. Für ihre Verdienste werden wir ihr immer dankbar sein. Auch nach ihrem Tod bleibt sie für uns Vorbild und Ansporn“, sagt Ulf Kristal, Mitglied im Vorstand der Deutschen Aidshilfe.
Engagement bis zum Ende
Bei einem Empfang unter dem Titel „Mut bewegt“ erhielt Rita Süssmuth 2016 die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Aidshilfe und ein ihr zu Ehren gestaltetes Plakat mit der Überschrift „Süssmuth bewegt“.
Laudator Rainer Ehlers, Pastor im Ruhestand und Stiftungsgründer der Deutschen AIDS-Stiftung, sagte damals: „In einer Zeit, in der jede noch so seriöse Zeitung zur Boulevardzeitung wurde, wenn es um Aids ging, behielt sie klaren Kopf, setzte auf Vernunft, auf Aufklärung, auf Prävention.“
Im darauffolgenden Jahr setzte sich Süssmuth für unsere Kampagne „Kein Aids für alle!“ ein, die möglichst vielen Menschen eine frühe Diagnose und Behandlung ermöglichen sollte. Beim Kampagnenauftakt in Berlin sagte die Vorkämpferin:
„Das Ende von Aids ist ein wichtiges historisches Ziel. Ich glaube fest daran, dass es uns gelingen kann. Wir müssen unsere Anstrengungen dafür noch verstärken. Ausgrenzung müssen wir entschieden entgegentreten, Versorgungslücken schließen.“
Aids beenden statt Rückkehr von Aids
Im Jahr 2026 drohen aufgrund massiver Kürzungen bei den globalen Maßnahmen gegen HIV wieder drastische Rückschläge mit Millionen Toten. Rita Süssmuths letzte öffentliche Äußerung zum Thema war die Erstunterzeichnung unseres „Weckrufs zum Welt-Aids-Tag 2025“, der die Bundesregierung und die Regierungen anderer Länder auffordert, die dramatische Situation endlich klar zu sehen und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten – damit Aids beendet werden kann statt zurückzukehren.
Rita Süssmuth hinterlässt neben ihren historischen Leistungen klare Positionierungen und viele Gedanken, die gerade heute ein wertvoller Leitstern bleiben können. „Verständigung, Europa, die Geschlechterfrage sind mir wichtig; vor allem der Einsatz für Benachteiligte und Ausgegrenzte“, schrieb sie 2020 in einem ihrer letzten Bücher.
Titel: „Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen“.
TU Berlin
Zum Tod von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Rita Süssmuth
Die Technische Universität Berlin trauert um Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Rita Süssmuth, eine herausragende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, eine Streiterin für Frauenrechte und eine engagierte Unterstützerin unserer Universität. Mit ihrem Tod verliert die TU Berlin eine kluge Ratgeberin, eine leidenschaftliche Förderin von Bildung und Wissenschaft sowie eine überzeugte Brückenbauerin zwischen Kulturen und Gesellschaften.
Rita Süssmuth war der TU Berlin über mehr als ein Jahrzehnt eng verbunden. Seit 2006 wirkte sie als externes Mitglied im Kuratorium der Universität mit und prägte dessen Arbeit entscheidend. Von 2010 bis 2018 stand sie dem Gremium als Vorsitzende vor und setzte sich in dieser Zeit mit außergewöhnlichem Engagement für die strategische Weiterentwicklung der TU Berlin ein. Ihr besonderes Anliegen galt der Internationalisierung, der Stärkung von Bildungsgerechtigkeit und der Verantwortung von Wissenschaft für gesellschaftlichen Fortschritt.
Mit großem persönlichem Einsatz unterstützte sie insbesondere die internationalen Aktivitäten der TU Berlin, besonders engagierte sie sich für die Türkisch-Deutsche Universität, die ihr ein wichtiges Symbol für Dialog, Verständigung und wissenschaftliche Zusammenarbeit über Grenzen hinweg war.
Für ihre Verdienste um die TU Berlin verlieh ihr die Universität 2019 die Würde einer Ehrensenatorin. Diese Auszeichnung steht für ihre nachhaltige Wirkung auf unsere Institution und für die Wertschätzung, die ihr innerhalb der akademischen Gemeinschaft entgegengebracht wurde.
Die TU Berlin wird Rita Süssmuth ein ehrendes Andenken bewahren. Unsere Gedanken sind bei ihrer Familie und allen, die ihr verbunden waren.
Das Präsidium
Die Stadt Neuss: https://www.neuss.de/news/2026/02/01/neuss-trauert-um-prof-dr-rita-suess...
Rita Süssmuth (* 17. Februar 1937 als Rita Kickuth in Wuppertal; † 1. Februar 2026 in Neuss) war eine deutsche Pädagogin, Hochschulprofessorin und Politikerin (CDU). Sie war von 1985 bis 1988 Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (ab 1986 Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit) und von 1988 bis 1998 Präsidentin des Deutschen Bundestages.
Frau Süssmuth hatte auch einen Bezug zu Porz, sie war zuletzt am 19. August 2025 in der Porzer Fußgängerzone zusammen mit Guido Cantz, im Rahmen der Veranstaltung "Gemeinsam Demokratie leben!" hier bei einem öffentlichen Auftritt. Eine intereligiöse und und interparteiliche Veranstaltung.
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