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Ungarn: Die vergessene Demokratie

Bild Petőfis „Nemzeti dal“ 1848 „Auf, Magyar, die Heimat ruft! Jetzt ist die Zeit – jetzt oder nie! Sklaven oder freie Männer? Das ist die Frage – wählt!“ Und der berühmte Schwur „Auf den Gott der Magyaren schwören wir: Wir schwören, keine Sklaven mehr zu sein!“Petőfi Sándor auf den Stufen des Ungarischen Nationalmuseums Was „Freiheit“ 1848 wirklich meinte Für die Revolutionäre war Freiheit nicht abstrakt, sondern ganz klar definiert: Freiheit von der Habsburger‑Monarchie, Freiheit von feudalen Privilegien, Freiheit von Zensur und obrigkeitlicher Kontrolle, Freiheit für Bürgerrechte, Presse, Parlament, Nation Quelle: Wikimedia Commons.“
Jeden Februar versammeln sich Hunderte Rechtsextreme und Neo-Nazis aus ganz Europa in Budapest zum sogenannten „Tag der Ehre". Sie gedenken des gescheiterten Ausbruchsversuchs von Waffen-SS und ungarischen Kollaborateuren aus dem sowjetisch belagerten Budapest im Februar 1945. Sie tragen schwarze Uniformen, zeigen Nazi-Symbole und laufen einen 60-Kilometer-Marsch entlang der Route, die SS-Soldaten damals nahmen. Die Veranstaltung ist mittlerweile das zweitgrößte Neo-Nazi-Treffen Europas.
Wie konnte es dazu kommen – ausgerechnet in Ungarn?
Die Antwort liegt nicht in der ungarischen Geschichte, sondern in deren Verdrängung. Wer die tatsächliche demokratische Tradition Ungarns kennt, versteht: Diese Nazi-Treffen sind ein historischer Unfall, nicht die Fortsetzung einer authentischen ungarischen Tradition. Sie sind das Ergebnis eines kulturellen Vakuums, das entstand, als Ungarn nach 1989 seine eigene Geschichte vergaß.
1.Die Masse und ihre Stimmen: Das Geheimnis der ungarischen Demokratie
Die Geschichte wird oft als Abfolge großer Männer erzählt – charismatische Führer, die das Schicksal ganzer Nationen bestimmen. Doch die ungarische Demokratiegeschichte widerspricht diesem Mythos grundlegend. Sie zeigt ein anderes Muster: Isolierte Einzelpersonen ohne eine couragierte, organisierte Masse erreichen nichts. Aber die Masse kann ohne Einzelpersonen viel erreichen.
Das ist der dialektische Kern jeder echten demokratischen Bewegung: Die Masse ist die Energie, die Einzelnen geben ihr Richtung und Stimme. Weder das eine noch das andere allein reicht aus. Aber wenn beides zusammenkommt – kollektive Kraft und moralische Orientierung – entsteht jene historische Macht, die Regime stürzt, Rechte erkämpft und Gesellschaften verändert.
1848: Petőfi und Táncsics gaben der Revolution ein Gesicht – aber es waren die Studenten, Handwerker und frühen Arbeiter, die auf die Barrikaden gingen. 1919: Die Räterepublik wurde nicht von Béla Kun allein getragen, sondern von Tausenden Arbeitern und Soldaten, die sich in Räten organisierten. 1956: Imre Nagy wurde zum Symbol – aber die eigentliche Macht lag bei den Arbeiterräten, die in den Fabriken spontan entstanden und die Betriebe selbst verwalteten.
Diese kollektive Tradition ist das eigentliche Erbe Ungarns – nicht der Führerkult, nicht die Verehrung einzelner Helden, sondern die organisierte Solidarität der Vielen. Die Einzelnen, die wir heute als Helden erinnern, waren Stimmen dieser Bewegungen, nicht ihr Ersatz.
2.1848: Die Revolution war links, nicht rechts
Die ungarische Revolution von 1848 war Teil einer gesamteuropäischen Bewegung gegen Monarchie, Feudalismus und Unterdrückung. Ihre Träger waren Studenten, Intellektuelle, Handwerker und frühe Sozialisten. Die Revolution richtete sich gegen die Habsburger Monarchie und forderte Pressefreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und nationale Selbstbestimmung.
Diese Tradition war liberal, republikanisch, antifeudal – und sie wurde von links getragen. Die Konservativen standen auf der Seite Wiens.
Sándor Petőfi – der republikanische Nationaldichter
Petőfi ist der Nationalheld Ungarns – und er war radikal demokratisch, republikanisch, antimonarchisch, sozial orientiert und internationalistisch. Man könnte ihn als „ungarischen Che Guevara" bezeichnen – jung, radikal, poetisch, kämpferisch. Er schrieb das Nationalgedicht „Nemzeti dal", das die Revolution auslöste. Er kämpfte selbst auf den Barrikaden und starb im Freiheitskampf mit nur 26 Jahren. Petőfi ist eine linke Ikone, auch wenn er heute oft entpolitisiert dargestellt wird.
Mihály Táncsics – der sozialistische Freiheitskämpfer
Táncsics war Sozialist, Demokrat, Publizist, Pädagoge und Gegner der Feudalordnung. Er saß wegen seiner Forderung nach Pressefreiheit im Gefängnis und wurde am 15. März 1848 von Revolutionären befreit – ein ikonischer Moment der ungarischen Demokratiegeschichte. Er ist ein Symbol der Volksbefreiung.
Lajos Kossuth – der republikanische Staatsmann
Kossuth wird heute oft nationalkonservativ vereinnahmt, aber historisch war er radikal republikanisch, antifeudal, antimonarchisch, pro-Parlamentarismus und ein internationaler Demokrat. Er war ein linksliberaler Revolutionär, kein Rechter. Seine Reden inspirierten Millionen, aber ohne die Masse der Aufständischen wäre er nur ein brillanter Redner gewesen.
3.1918/19: Die Räterepublik als demokratisches Experiment
Nach dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie entstand 1918 zunächst eine demokratische Republik unter Mihály Károlyi, dann 1919 die ungarische Räterepublik. Sie war ein radikales demokratisches Experiment: getragen von Arbeiter- und Soldatenräten, international beachtet, sozial, egalitär. Sie führte das Frauenwahlrecht ein, verstaatlichte Großgrundbesitz und Industrie, reformierte das Bildungssystem.
Die Räterepublik war kein sowjetisches Projekt, sondern eine ungarische soziale Revolution. Die eigentlichen Träger waren nicht einzelne Führer, sondern die Tausenden von Arbeitern und Soldaten, die sich in Räten organisierten und ihre Betriebe und Kasernen selbst verwalteten.
Die Räterepublik scheiterte nach 133 Tagen – nicht an innerer Schwäche, sondern an der militärischen Intervention der Nachbarländer und der Konterrevolution unter Admiral Miklós Horthy. Was folgte, war der „Weiße Terror": Tausende Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschafter wurden ermordet oder vertrieben. Horthy errichtete ein autoritäres Regime, das sich später mit Nazi-Deutschland verbünden sollte.
Die Gegner der Räterepublik waren keine Demokraten. Sie waren Monarchisten, Nationalisten und spätere Nazi-Kollaborateure.
Ervin Szabó – der anarchistische Bibliothekar
Eine faszinierende Figur dieser Epoche: Szabó war anarchistischer Sozialist, Gründer der modernen ungarischen Bibliotheksbewegung, Kämpfer für Arbeiterbildung und Gegner des Horthy-Regimes. Er verstand, dass Demokratie Bildung braucht – und dass Bildung allen gehören muss. Die größte Bibliothek Budapests trägt heute seinen Namen.
Ilona Duczyńska – die revolutionäre Intellektuelle
Eine der spannendsten Frauen der ungarischen Geschichte: Duczyńska war Aktivistin der Räterepublik, später Sozialistin und Publizistin, Kämpferin gegen Faschismus und Stalinismus, international vernetzt. Sie ist eine vergessene Ikone der linken Moderne – eine Frau, die ihr ganzes Leben dem Kampf für Gerechtigkeit widmete.
4.Zwischenkriegszeit: Die Linke als Opposition gegen den Autoritarismus
Während der Horthy-Ära waren die stärksten Gegner des autoritären Regimes Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaften und linke Intellektuelle. Sie kämpften für Arbeiterrechte, Pressefreiheit und demokratische Reformen. Die urbane Kultur Budapests war geprägt von sozialistischer Presse, kritischen Intellektuellen und einer lebendigen Arbeiterbewegung.
Die Rechte hingegen – von den Konservativen bis zu den faschistischen Pfeilkreuzlern – unterstützte das autoritäre System oder wollte es noch weiter radikalisieren. Als Ungarn 1941 dem Dreimächtepakt beitrat und Nazi-Deutschland im Krieg gegen die Sowjetunion unterstützte, war es die Linke, die Widerstand leistete.
5.1944/45: Die Linke im Widerstand, die Rechte an der Macht
Im März 1944 besetzten deutsche SS-Truppen Ungarn. In den folgenden Monaten wurden über 430.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert und ermordet. Von den etwa 825.000 Juden, die 1941 in Ungarn lebten, überlebten weniger als ein Drittel den Holocaust.
Der antifaschistische Widerstand wurde überwiegend von Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschaftern und jüdischen Selbstverteidigungsgruppen getragen. Die Pfeilkreuzler hingegen – jene ungarischen Faschisten, deren „Ausbruch" heute beim „Tag der Ehre" gefeiert wird – ermordeten in den letzten Kriegsmonaten Tausende Menschen, darunter viele Juden, die sie in die gefrorene Donau schossen.
Die historische Trennlinie war eindeutig: Links stand für Widerstand und Demokratie, rechts für Kollaboration und Massenmord.
Die antifaschistischen Widerstandskämpfer – Namen, die nicht vergessen werden dürfen
Endre Ságvári – sozialistischer Widerstandskämpfer, 1944 von Gendarmen erschossen, als er versuchte zu fliehen. Er wurde nur 31 Jahre alt. Géza Kertész – legendärer Fußballtrainer, der während der Nazi-Besatzung Juden rettete und dafür von den Pfeilkreuzlern ermordet wurde. Vilma Hugonnai – die erste ungarische Ärztin, Frauenrechtlerin und Sozialistin, die den Weg für Generationen von Frauen ebnete. Diese Menschen waren echte Helden, nicht ideologische Konstrukte – und sie handelten nicht allein, sondern als Teil von Netzwerken, Zellen, Bewegungen.
6.1956: Ein demokratischer, sozialistischer Reformaufstand
Der ungarische Volksaufstand von 1956 war kein rechter, nationalistischer Aufstand – auch wenn er heute oft so dargestellt wird. Er war ein pluraler, demokratischer, sozialistischer Reformaufstand, getragen von Arbeiterräten, Studierenden, Intellektuellen und Reformkommunisten.
Die Forderungen der Aufständischen waren: politische Freiheit, Pressefreiheit, ein Mehrparteiensystem, das Ende des Stalinismus, sozialistische Demokratie und nationale Souveränität.
Die Arbeiterräte von 1956 – die kollektiven Helden
Die Arbeiterräte, die spontan in den Fabriken entstanden, waren das Herzstück der Revolution. Sie waren demokratisch gewählt, pluralistisch, sozialistisch, selbstverwaltet, friedlich und hochorganisiert. Sie verwalteten die Betriebe selbst, koordinierten den Widerstand und verhandelten mit den Behörden. Sie sind ein einzigartiges demokratisches Modell in der europäischen Geschichte – ein Beweis dafür, dass Ungarn eine eigene Tradition der Arbeiterdemokratie hat. Die Arbeiterräte sind der eigentliche Held von 1956, nicht eine Einzelperson.
Imre Nagy – der demokratische Reformkommunist
Imre Nagy ist vielleicht die wichtigste linke Nationalfigur des 20. Jahrhunderts: Reformkommunist, Demokrat, Gegner des Stalinismus, Führer des Volksaufstands 1956, Symbol für Freiheit und Souveränität. Er versuchte, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu verwirklichen. 1958 wurde er hingerichtet. Er ist eine authentische, moralische Ikone – und er wusste, dass seine Kraft aus der Bewegung kam, nicht umgekehrt.
Pál Maléter – der Militärheld von 1956
Maléter war Offizier und Reformkommunist. Er wechselte während des Aufstands auf die Seite der Revolutionäre und wurde zum Verteidiger der Revolution. Er verhandelte mit der Sowjetunion und wurde dabei verhaftet. 1958 wurde er zusammen mit Imre Nagy hingerichtet. Er ist ein militärischer Held der demokratischen Linken.
Rechte oder faschistische Gruppen spielten keine militärische Rolle in 1956. Die Pfeilkreuzler-Exilgruppen hatten keine Präsenz in Ungarn. Die bewaffneten Gruppen in Budapest bestanden aus Arbeitern, Studenten, jungen Soldaten und spontanen Milizen.
Die rechte Exilpropaganda aus dem Westen war laut – Radio Free Europe sendete ermutigende Botschaften –, aber sie hatte keine Truppen vor Ort. Der Aufstand von 1956 war ein Versuch, Sozialismus und Demokratie zu verbinden, kein Vorläufer des heutigen Nationalismus.
7.1989: Der Bruch mit der eigenen Geschichte
Nach dem Systemwechsel 1989 versuchten EU-Staaten und europäische Parteienfamilien, Ungarn in das westliche Parteiensystem einzubinden. Das war grundsätzlich richtig. Aber die Strategie hatte einen blinden Fleck: Sie ignorierte fast vollständig die demokratischen, reformorientierten Traditionen der ungarischen Linken.
Nach Jahrzehnten des Kalten Krieges galt in Brüssel und Washington eine simple Gleichung: Alles Linke war kommunistisch und problematisch, alles Antikommunistische war demokratisch und unterstützenswert. Das war eine strategische Vereinfachung, keine historische Analyse. Christdemokratische, liberale und konservative Parteien wurden gefördert; rechte Exilnarrative wurden übernommen; die linke demokratische Tradition wurde nicht eingebunden.
Die Reformkommunisten der 1980er – die Architekten des friedlichen Übergangs
Der friedliche Systemwechsel 1989 kam nicht aus dem Nichts. Er wurde vorbereitet von Reformkommunisten und Dissidenten, die seit Jahren für Veränderung kämpften: János Kis – Philosoph, Demokrat, Dissident, Mitbegründer der demokratischen Opposition. György Litván – Historiker, Demokrat, selbst Teilnehmer des Aufstands von 1956. Miklós Vásárhelyi – Sprecher von Imre Nagy, später Demokrat und Zeitzeuge. Diese Menschen waren die Brücke zwischen 1956 und 1989 – und sie wurden nach dem Systemwechsel marginalisiert.
Nach dem Systemwechsel verschwanden viele Bücher aus der sozialistischen Zeit aus Bibliotheken, wurden aus Schulprogrammen gestrichen, aus Universitätscurricula entfernt. Sie wurden nicht verboten – aber sie wurden kulturell entsorgt. Die Räterepublik von 1919 wurde dämonisiert, der Aufstand von 1956 wurde nationalisiert statt demokratisiert, die Rolle der Arbeiterbewegung wurde unsichtbar gemacht.
Dadurch entstand ein kulturelles und politisches Vakuum: ein Land, das seine linke, soziale, antifaschistische Tradition verloren hatte, seine Arbeiterkultur verloren hatte, seine eigene demokratische Geschichte nicht mehr kannte. Dieses Vakuum wurde später gefüllt durch nationalkonservative Erzählungen, rechte Exiltraditionen, Opfermythen und anti-liberale Identitätspolitik.
János Kádár – Symbol der sozialen Stabilität
Kádár ist eine komplexe Figur – er war an der Niederschlagung von 1956 beteiligt, aber er führte Ungarn danach in eine Phase sozialer Sicherheit, öffnete das Land wirtschaftlich und erlaubte kulturelle Freiheiten. Viele Ungarn, besonders die ältere Generation, sehen ihn bis heute als Vaterfigur der sozialen Stabilität. Man muss ihn nicht idealisieren, aber man kann ihn als sozial orientierte Integrationsfigur verstehen – und als Erinnerung daran, dass soziale Sicherheit für viele Menschen wichtiger ist als abstrakte Freiheitsversprechen.
8.Viktor Orbán: Vom liberalen Reformer zum Manager des Identitätsvakuums
Was heute oft vergessen wird: Viktor Orbán war in den 1990er Jahren ein transatlantisch liberaler Pro-EU-Reformer. Fidesz war eine jugendliche, antinationalistische, proeuropäische Partei. Orbán arbeitete mit antikommunistischen Soros-Stiftungen zusammen, war Mitglied der "Liberalen Internationale" dieser gehört unter anderem die FDP in Deutschland an, ein Symbol der neoliberalen Opposition. Er war kein Linker aber auch kein Rechter.
Die Entwicklung zum Rechten kam nach der Wahlniederlage 2002. Orbán erkannte: Mit liberaler Politik gewinnt er keine stabile Mehrheit. Also baute er Fidesz zur nationalkonservativen Volkspartei um, orientierte sich an polnischen Nationalkonservativen und österreichischen Rechten, griff auf alte ungarische Exilnarrative zurück. Er besetzte das Identitätsvakuum, das die EU ungewollt erzeugt hatte.
Orbán hat den Westen nicht „verraten". Er hat verstanden, dass die liberale Erzählung keine soziale Basis hatte, dass die linke Tradition delegitimiert war, dass die nationale Rechte ein unbesetztes Feld war, dass die EU keine kulturelle Gegenmacht bot. Er wurde zum Manager eines Landes, das seine eigene Geschichte vergessen hatte.
9.Der „Tag der Ehre": Eine Tradition, die nie eine war
Und so kommen wir zum „Tag der Ehre" – dieser jährlichen Versammlung von Neo-Nazis aus ganz Europa in Budapest, bei der Waffen-SS und Pfeilkreuzler als „Helden" gefeiert werden.
Der „Tag der Ehre" wurde 1997 von der Hungarian National Front eingeführt und zog anfangs nur etwa 150 Teilnehmer an. 2003 übernahm das internationale Neo-Nazi-Netzwerk Blood & Honour die Organisation. Obwohl Blood & Honour in Ungarn seit 2004 offiziell verboten ist, bleiben seine Symbole und Ideologie bei der Veranstaltung präsent. Heute kommen Tausende: Mitglieder von Blood & Honour aus ganz Europa, der Nordic Resistance Movement, Die Rechte aus Deutschland, französische und italienische Faschisten.
Das Europäische Parlament hat die ungarische Regierung mehrfach kritisiert. Staatlich kontrollierte Medien berichten wohlwollend über die Veranstaltung. Die Organisatoren haben staatliche Zuschüsse erhalten – laut einer parlamentarischen Anfrage 70 Millionen Forint. Das Militärhistorische Museum stellt Uniformen und Nazi-Memorabilia zur Verfügung.
Neben dem jährlichen Marsch finden weitere Neo-Nazi-Veranstaltungen statt: Konzerte mit Bands, deren Texte offen zu Gewalt gegen Juden aufrufen, als Kampfsportveranstaltungen getarnte Treffen, bei denen sich Rechtsextreme für „rassistische Angriffe" trainieren. Im Dezember 2024 fand westlich von Budapest ein Neo-Nazi-Konzert statt, organisiert von einem Budapester „Kulturverein" mit Verbindungen zu Blood & Honour.
10.Schluss: Das verlorene Erbe – und der Weg zurück
Die demokratischen Bewegungen Ungarns – wie in Deutschland, Österreich und Russland – waren antimonarchisch, fortschrittlich und sozialistisch geprägt. Es waren linke Kräfte, die für Selbstbestimmung, Freiheit und soziale Rechte auf die Barrikaden gingen: 1848 gegen die Habsburger, 1919 für die Räterepublik, in der Zwischenkriegszeit gegen das Horthy-Regime, im Widerstand gegen die Nazi-Besatzung, 1956 für einen demokratischen Sozialismus.
Die heutigen rechten Geschichtserzählungen stehen nicht in dieser Tradition – sie überlagern sie. Die Gruppen, die heute beim „Tag der Ehre" marschieren, feiern genau jene Kräfte, die in der ungarischen Geschichte auf der falschen Seite standen: die Kollaborateure, die Pfeilkreuzler, die Mörder.
Ungarn verdient ein Geschichtsbuch, das ihm eine freundliche und stolze demokratische, links geprägte Tradition attestiert – weil diese Tradition historisch existiert. Petőfi, Táncsics, Kossuth, Szabó, Duczyńska, Nagy, Maléter, die Arbeiterräte von 1956, die antifaschistischen Widerstandskämpfer, die Reformkommunisten der 1980er: Sie alle waren Teil einer Bewegung, die größer war als jeder Einzelne von ihnen.
Dass stattdessen heute Neo-Nazis in Budapest marschieren und der Waffen-SS gedenken, ist kein Ausdruck ungarischer Identität. Es ist ein historischer Unfall – das Ergebnis einer verdrängten Geschichte, eines kulturellen Vakuums und einer verfehlten europäischen Transformationspolitik.
Hätte die authentische Demokratiebewegung Ungarns Oberwasser behalten, wäre sie nicht von transatlantischen Kalte-Krieg-Narrativen überschrieben und geschwächt worden – es gäbe solche Treffen dort nicht. Wäre Ungarn in der Kontinuität seiner eigenen Geschichte geblieben, hätten Neo-Nazis dort keinen Platz.
Die Masse ist der Held. Ungarn kann stolz sein auf seine demokratische, antifaschistische Massentradition – auf die Arbeiterräte, die Räte von 1919, die Revolutionäre von 1848, die Widerstandskämpfer von 1944. Petőfi, Táncsics, Nagy, Maléter – sie waren die Stimmen dieser Bewegungen, nicht ihr Ersatz. Das sind die echten Helden. Nicht die Pfeilkreuzler, nicht die SS-Kollaborateure, nicht die Mörder an der Donau. Die Geschichte gehört denen, die für Freiheit kämpften – nicht denen, die sie verraten haben. Und sie gehört vor allem den Vielen, die gemeinsam auf die Barrikaden gingen.
(Jochen Geis 2026)
A „Kitörés napja” ma Európa egyik legnagyobb neonáci eseménye. Hogyan juthatott idáig egy ország, amelynek erős demokratikus hagyományai voltak?
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