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Weltanschauungen und Religionen in Porz

Die größte Gruppe bilden inzwischen die Nichtreligiösen, wobei gerade diese Gruppe sich bis heute seit den Verfolgungen und Organisationsauflösungen durch die Nazis 1933 am wenigsten organisiert. Die Freidenker bildeten atheistische Gemeinden und veranstalteten bereits im 19. Jahrhundert Jugendweihen. Nach der sozialistisch orientierten Novemberrevolution wurden Atheisten, die im Kaiserreich noch vielfach schlechter gestellt waren, den Kirchen rechtlich gleichgestellt.
Seit dem 11. August 1919 (Weimarer Reichsverfassung, Art. 137 Abs. 7, übergegangen in Art. 140 des Grundgesetzes) sind Weltanschauungsgemeinschaften den Religionsgemeinschaften rechtlich vollkommen gleichgestellt. Säkularer Humanismus, Agnostizismus und Atheismus sind somit kein „Fehlen von Struktur“, sondern eine rechtlich geschützte und im Falle von Organisationen wie zum Beispiel dem bürgerlichen Humanistischen Verband NRW (KdöR) staatlich anerkannte Säule der Gesellschaft – ebenso wie die von den Nazis verfolgten und verbotenen Freidenker, einer fortschrittlichen sozialistischen Richtung der Atheisten, die sich auf den dialektischen und historischen Materialismus bezieht.

Statistischer Bericht: Religionen und Weltanschauungen in Köln-Porz
Datengrundlage: Amtliche Einwohnerdaten der Stadt Köln (Kategorie Großkirchen) kombiniert mit demografisch-soziologischen Strukturanalysen der Zuwanderungs- und Community-Strukturen im Bezirk.

  • Gesamtbevölkerung des Stadtbezirks: ca. 117.500 Einwohner

Statistischer Bericht: Religionen und Weltanschauungen in Köln-Porz
Datengrundlage: Amtliche Einwohnerdaten der Stadt Köln (Kategorie Großkirchen) kombiniert mit demografisch-soziologischen Strukturanalysen der Zuwanderungs- und Community-Strukturen im Bezirk.

  • Gesamtbevölkerung des Stadtbezirks: ca. 117.500 Einwohner

Die weltanschauliche und religiöse Verteilung (Schätzmodell)

Weltanschauung / Religionsgemeinschaft

Prozentualer Anteil

Absolute Zahl (ca.)

Status & Erfassung im Melderegister

Atheisten / Agnostiker / Säkulare

45,0 % – 48,0 %

~54.000 Einwohner

Amtlich erfasst unter „Sonstige / Ohne Angabe“; rechtlich geschützt nach Art. 140 GG.

Römisch-Katholische Kirche

ca. 25,0 %

~29.300 Einwohner

Amtlich exakt erfasst (Körperschaft des öffentlichen Rechts / KdöR).

Islam (Sunniten, Schiiten, Aleviten)

11,0 % – 13,0 %

~14.000 Einwohner

Amtlich unter „Sonstige“; Schätzung über Herkunftsländer unter Einberechnung säkularer Strömungen.

Evangelische Kirche (EKD)

ca. 10,5 %

~12.300 Einwohner

Amtlich exakt erfasst (Körperschaft des öffentlichen Rechts / KdöR).

Orthodoxe Kirchen (Griechen, Ukrainer, Rumänen)

3,0 % – 5,0 %

~4.500 Einwohner

Amtlich unter „Sonstige“; durch Zuwanderung (historisch und aktuell) stark gewachsen.

Sonstige religiöse Minderheiten

2,0 % – 3,0 %

~3.000 Einwohner

Amtlich unter „Sonstige“. Mosaik aus Freikirchen, Zeugen Jehovas, Hindus, Jesiden und jüdischen Gemeinden.

Die soziologische Tiefenstruktur des Bezirks
Das Porzer Profil unterscheidet sich durch seine Industriegeschichte und seine Rolle als urbaner Ankunftsbezirk massiv vom historischen rheinischen Umland. Die Gruppe „Sonstige / Ohne Angabe“, die in städtischen Tabellen pauschal mit 64,5 % geführt wird, teilt sich in der Realität in hochspezifische Milieus auf:

1. Das säkulare Fundament (Die größte Gruppe)
Die Gruppe der Menschen ohne religiöses Bekenntnis stellt die relative Mehrheit in Porz. Sie speist sich aus drei Hauptströmungen:

  • Säkularisierte Mehrheitsgesellschaft: Ehemalige Mitglieder der Großkirchen, bei denen die Weitergabe des Glaubens über Generationen abgebrochen ist.
  • Säkulare Zuwanderung aus dem Nahen Osten: Ein historisch oft unterschätzter Teil von Einwanderern aus Iran, Syrien oder Kurdistan lebt bewusst konfessionslos oder distanziert sich scharf von religiösen Dogmen.
  • Kulturelles Judentum aus der Ex-UdSSR: Im Porzer Begegnungszentrum zeigt sich eine starke jüdische Community (ca. 1.000 Personen), die postsowjetisch geprägt ist – das Judentum wird hier primär als Identität und Kultur verstanden, während über 50 % der Betroffenen vollkommen säkular oder atheistisch leben.

2. Das migrantische und freikirchliche Mosaik
Abseits der traditionellen westeuropäischen Kirchtürme, die es in Porz seit weit über 1.000 Jahren gibt (der Bezirk ist seit der rheinfränkischen Zeit der Ripuarier katholisch geprägt), ist Porz heute durch eine Dezentralisierung von Sakralräumen gekennzeichnet, die sich oft in Gewerbegebieten und Hinterhöfen organisieren:

  • Islamische Infrastruktur: Konsolidierte Moscheegemeinden, die stark von familiären und kulturellen Netzwerken getragen werden. Das Spektrum reicht von den humanistisch orientierten Aleviten (Josefstraße) über die türkisch-staatsreligiöse DITIB (Bahnhofstraße) bis hin zu extremistischen Strömungen wie der vom Verfassungsschutz beobachteten „Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş e. V.“ (IGMG, Hauptstraße). Letztere vertritt eine Ideologie des legalistischen Islamismus, die in ihrer völkischen Überhöhung der eigenen Gruppe, ihrem ausgeprägten Antisemitismus und ihrer rigorosen Ablehnung der pluralistischen Gesellschaft eine massive Schnittmenge mit dem klassischen Rechtsextremismus aufweist und im Kern als eine religiös bemäntelte Form desselben („Rechtsextremismus mit Gott“) zu bewerten ist.
  • Evangelikale Pfingstkirchen: Starker Zulauf durch afrikanische Communities. Da sie als freie Gemeinden organisiert sind, tauchen diese tiefgläubigen Christen statistisch fälschlicherweise als "Konfessionslos/Sonstige" auf.
  • Zeugen Jehovas: Mit dem großen regionalen Kongresszentrum in Porz-Gremberghoven verfügt die Gemeinschaft über ein logistisches und administratives Hauptquartier im Kölner Raum.
  • Asiatische Religionen: Insbesondere afghanisch-hinduistische und indische Gemeinden, die punktuell religiöse Zentren in den Rand- und Industriegebieten des Bezirks nutzen.

Fazit der Rekonstruktion: Der Stadtbezirk Porz hat in den letzten 50 Jahren den radikalsten Wandel seiner Geschichte vollzogen. Aus einer homogenen, zu fast 95 % christlich-kirchlich dominierten Gesellschaft ist ein hochgradig pluralistischer Raum geworden. Die größte verbindende Klammer der Porzer Bürger ist heute das Leben abseits religiöser Institutionen, gefolgt von einer dynamischen, weltweiten Vielfalt an Glaubens- und Weltanschauungsformen, die im Rahmen der Verfassung (Art. 137 WRV) denselben Schutz und Stellenwert genießen wie die alteingesessenen Kirchen.
 
Jochen Geis

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